Fotos Volker Gottwald

Indochina

Die bedrohte Schönheit der Vielfalt

Eine Reise nach Vietnam, Singapur, Kambodscha - eine Annäherung

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Asien nach unseren Reisen nach China, Korea und Indien aus einer anderen Perspektive kennenzulernen, hat uns bewogen eine Privatreise nach Vietnam und Kambodscha zu machen. Da wir keine Backpacker sind und den Komfort durchaus schätzen, schien uns eine Reise mit privatem Führer die intensivste und für uns komfortabelste Form das Land zu bereisen.

Klar war uns auch, dass wir nur Eindrücke aufnehmen können, eine erschöpfende Kenntnis des Landes bleibt uns natürlich verwehrt. Wenn der Tourismus in dieser komfortablen Form in einem Land möglich ist, bedeutet das natürlich auch, dass der Massentourismus mit seinen Segnungen aber vor allen Dingen auch mit seinen Schattenseiten schon Einzug gehalten hat. Eine Öffnung für den Weltmarkt nur mit den Vorteilen zu erwarten ist Illusion, das Land muss bezahlen mit dem Import westlicher, auch dekadenter Konzepte und Verhaltensweisen, die Missachtung der ökologischen Vielfalt steigt und Verlust der kulturellen Besonderheiten droht. In der Hoffnung, dass dieser Prozess noch nicht alles Besondere vernichtet hat, die kulturellen und sonstigen Schönheiten noch zu finden sind, haben wir uns auf den Weg gemacht.

Ziel war auch, nachzuspüren, wie sich die Kultur auf das Denken und Fühlen der Menschen auswirkt und was der Fortschritt schon ausgelöscht hat. Die Vorstellung, dass das Leben durch das Karma vorbestimmt, nur begrenzt vom Einzelnen beeinflusst werden will und kann und eine Reinkarnation auf geistiger Ebene erfolgen wird, variiert nur begrenzt in der Ausprägung der vorherrschenden Religionen: dem Buddhismus, dem Hinduismus, dem Taoismus, dem Konfuzianismus und diversen animistischen Urreligionen. Auch der Katholizismus, von den Franzosen ins Land gebracht, hat seinen Platz gefunden. Man hat manchmal den Eindruck, es könnte sich alles vermischen und alles betet zu der gerade zuständigen Gottheit. Allen Richtungen gemeinsam ist eine Ahnenverehrung, die an vielen Plätzen greifbar wird sowohl im privaten als auch in den verschiedenen Tempeln.

Mit dieser Geisteshaltung geht ein eigentlich freundlicher Umgang der Menschen untereinander einher, umso verstörender sind die erst in jüngster Geschichte in Vietnam und Kambodscha stattgefundenen Kriege und Bürgerkriege, die mit einer unvorstellbaren Brutalität Menschen Millionen von Menschen aus unterschiedlichen Motiven hingemetzelt haben. In Vietnam liegt dieser Krieg, den sie „the american war“ nennen, 40 Jahre zurück, war aber gefolgt von heftigen Umerziehungsmaßnahmen in Südvietnam bis 1995 mit den Beitritt zur Asean erste wirtschaftliche Reformen eingeleitet wurden. Wie die Amerikaner jemals die Vorstellung entwickelten, einen Krieg in einem agrarisch dominierten Land mit einem schmalen Küstenstreifen mit wenigen größeren Städten, einem von Dschungel bewachsenen tropischen Delta und einem dicht bewaldeten Hinterland gewinnen zu können, gehört für mich zu den Rätseln der Zeit.

Interessant ist, dass in Südvietnam die Familien noch eingeteilt werden in „Vietcong“ Familien und Südvietnamesen. Es gibt auch Wahrheiten, insbesondere die Kriegsverbrechen der Vietcong, die aus ideologischen Gründen nicht zur Kenntnis genommen werden dürfen. Diese Brüche in der Gesellschaft werden, wie wir Deutschen aus eigener Erfahrung wissen, noch viele Jahrzehnte zur Aufarbeitung brauchen. Wie in Deutschland der sechziger Jahre hat man auch hier den Eindruck, dass ein Rückwärtsschauen vermieden wird und der Glaube vorherrscht, nach vorne in eine bessere Zukunft zu sehen sei möglich ohne die Vergangenheit zu akzeptieren und zu bearbeiten.

Wir haben mit einem Deutschen südvietnamesischer Herkunft ein langes und intensives Gespräch geführt. Er kämpfte gegen die Vietcong, kam in Kriegsgefangenschaft und floh als 28-jähriger als „boat-people“ 1978 nach Deutschland. Die Kriegserlebnisse sind traumatisch verschlossen, als er darüber sprach, verhärteten sich seine Gesichtszüge und er sagte nur: „Unvorstellbares erlebt“. Auffällig ist bei Reise durchs Land, dass es zumindest in Mittelvietnam in der Küstenregion relativ wenig ältere Menschen gibt, im Delta trifft man ein paar mehr. Mehrfach wurde uns eindringlich erzählt, dass die Chinesen nicht geliebt werden. Sie werden als Hegemonialmacht und Bedrohung erlebt und die Furcht vor ein „Vereinnahmung“ ist groß.

Vietnam ist ein Land mit einer nicht homogenen Bevölkerungsstruktur, geschichtlich sind es verschiedene Volksstämme, im Norden Chinesen, in der Mitte malaiische Stämme und Cham und im Süden Khmer, die aus politischen Gründen zu einer Nation zusammengefasst wurden. Die Veränderung in Mittelvietnam, in Saigon und im Süden von einer alles bestimmenden staatlichen Planwirtschaft mit vielen Irrtümern mit katastrophalen Folgen für die Bevölkerung in ein moderat geöffnetes Ein-Parteien-System ist greifbar. Aber er scheint, dass die Fehler, die in anderen Entwicklungsländern schon gemacht wurden, sich auch hier wiederholen: ein Wachstum des Individualverkehrs, die Missachtung der Ökologie bzw. Entwicklung auf Kosten der Ökologie, dramatische Missstände in der Infrastruktur, große Anstrengungen in der Bildung, aber vornehmlich Anstrengungen, was für ein noch Agrarland auch kein Wunder ist. Die Eröffnung einer Universität mit Deutschland als Partner zeigt zumindest die Einsicht in die Entwicklungsdefizite in Forschung und Wissenschaft. Die Mengen von Fahrradfahrern sind bereits durch Motoradfahrer ersetzt und alle werden ein Auto wollen, sobald ihre finanziellen Verhältnisse es gestatten. Es gibt die „Boom-Towns“ Danang und Saigon, Hanoi soll sich nach Erzählungen anderer Reisenden noch in einem den Zuständen in der Endzeit der DDR vergleichbaren gelähmten Zustand befinden. Demgegenüber steht ein Boom der touristischen Infrastruktur, die sich auf hohem Niveau entwickelt mit ausländischen Investoren und vietnamesischen Partnern. Nur Vietnamesen dürfen Eigentum an Grund und Boden erwerben. Wie das umgangen wird? Ein Ausländer heiratet kurzerhand eine Vietnamesin und alles geht. Wenn das nicht helfen sollte, gibt es immer noch die überbordende Korruption, an der das Land zu ersticken droht. Rechtssicherheit für Ausländer wird es wahrscheinlich vorerst nicht geben.

Was macht die Faszination dieses Landes aus? Genau das Vorstehende, das Widersprüchliche, das Fortschrittliche, das einfache Landleben mit den Ressourcen der überaus reichen Natur, die moderne Technik, der aufblühende private Handel und der Tourismus. Dazu kommt die wunderbare Landschaft in vier Klimazonen, die reiche Geschichte, die in den alten Tempeln zum Beispiel der Cham-Kultur greifbar wird, den Tempeln der verschiedenen Religionen und der greifbaren Religiosität der Menschen, der freundlichen Art und das Beobachten einer ruralen Kultur, die sich im Schnellschritt in eine Mediengesellschaft verwandelt. Es ist nicht zu glauben, aber selbst im Mekong Delta mitten auf dem Fluss gibt es flächendeckendes WiFi. Alles telefoniert und spielt mit IPad und IPod rum. Die Begeisterung für die neue Technik ist umfassend und es ist anzunehmen, dass die Informationen, die auf diese Weise ins Land fließen, nicht mehr abgestellt und rückgängig gemacht werden können. Wir haben Menschen auf dem vollbeladenen Motorrad gesehen, die eine beeindruckende Menge von Dingen in abenteuerlicher Stapelung transportieren aber immer noch eine Hand zum Telefonieren frei haben. Hoffen wir, dass diese „Geister, die zugelassen wurden“ nicht mehr mit Gewalt vertrieben werden sondern in eine moderate Öffnung und Entwicklung und Bewahrung der kulturellen Identität münden.

Aufgefallen ist uns, dass wir sehr wenige Vögel gesehen haben, sowohl in Zentralvietnam als auch im Delta. Der gigantische Ökozid, der mit dem Versprühen des Agent Orange von dem Amerikanern begangen wurde, hat wie man heute weiß, auch Langzeitwirkungen auf die Menschen. Die davon Betroffenen sehen Touristen nicht.

Unser natürlich auch touristisches Programm haben wir mit Privatfahrer und Führer erlebt. Nach einer Woche in einem der Luxus-Spa-Ressorts in Danang sind wir eingetaucht in das „Freilichtmuseum“ Hoi An, eine alte Fischerstadt, die zu einem Zentrum für Touristen ausgebaut wurde und alles bietet, was Touristen so machen: pittoreske Häuser (trotzdem interessant, da es sogenannte Tunnelhäuser gibt, die an der Straßenseite zwar schmal aber sich in die Tiefe bis zur Parallelstraße erstrecken) und Märkte mit allem, was in der die Region wächst, Restaurants und Schneider, die innerhalb eines Tages den Touristen Bekleidung aller Art auf den Leib schneidern, Händler, die alles anbieten, was man so kaufen kann. Um das Geldausgeben so einfach wie möglich zu machen, ist in diesem kommunistischen Land eine Zweitwährung, nämlich der Dollar, Gang und gebe. Manche Restaurants zeichnen gleich in Dollar aus, die Landeswährung spielt hier keine Rolle mehr. Gildenhäuser der früheren chinesischen, japanischen Händler und der Kolonialmacht Frankreich, die japanische Brücke, die mit Statuen die Jahre ihrer Entstehung offenbart: vom Jahr des Affen bis zum Jahr des Hundes, buddhistische und konfuzianische Tempel, ein alter Brunnen, der immer noch das beste Wasser der ganzen Gegend liefert. Bettler gibt es nahezu keine, man sieht auch keine Kriegsverletzten, alle sind freundlich, alles handelt und freut sich über die private Entwicklungshilfe der herbeiströmenden Touristen. Diese Stadt hat mit dem wirklichen Leben nicht viel zu tun.

My Son, das alte religiöse Zentrum der Cham rund 40km von Hoi An entfernt, vorbei an Dörfern und Reisfeldern, wurde erst 1898 von einem Franzosen wiederentdeckt und in der Folge dem Dschungel entrissen. Die Reisfelder: sowohl in Zentralvietnam als auch im Delta wird dreimal im Jahr geerntet. In Zentralvietnam wurde gerade geflutet, gepflügt, vorwiegend noch mit Wasserbüffeln, und gepflanzt, im Delta waren viele Felder gerade geerntet worden. Diese Reisfelder sind landschaftsprägend: sie sind so unglaublich grün. Innerhalb von 20 Tagen wächst Reis, wie wir gelernt haben, eine Handbreit hoch. Die Monumente, die oft mitten in Reisfeldern stehen, sind Särge. Sie sollen die Felder beschützen und dienen auch dem Ahnenkult. Die im vierten Jahrhundert errichteten Tempel von My Son wurden aus Holz gebaut und verfielen, ab ca. dem 7. Jahrhundert und die folgenden 500 Jahre wurde mit „Bricks“ gebaut. Unser Führer erzählte, dass die Ziegel ohne Bindemittel aufeinandergeschichtet wurden und dann im Ganzen gebrannt. Im Vietnamkrieg wurde rund zwei Drittel der Tempel zerstört. Zurückgeblieben sind trotz der Zerstörung, der Biofilme und des Bewuchses auf den Bauwerken, eindrucksvolle Zeugnisse einer vergangenen Kultur mit einem deutlich erkennbaren Bauplan in einem traumhaft schönen Tal.

Dann der Wolkenpass: Von Danang aus nordwärts folgt man der serpentinenreichen Straße bis zum Pass mit atemberaubenden Ausblicken und fährt dann an der fruchtbare Lagunen von Lang Co durch ein Gebiet mit teilweise katholischer Bevölkerung bis nach Hue. Dort sind die Zitadelle und die Königsstadt, nach dem Vorbild der verbotenen Stadt in Peking errichtet, hervorragende Zeugnisse der an der Geomantie und einer absolut symmetrischen, chinesischen Vorbildern folgenden Bauweise mit den markanten Walm, Fußwalm- und Parallel- Satteldächern, die mit gebrannten und glasierten Ziegeln gedeckt sind. Der Palast wurde im 18. Jahrhundert erbaut und diente Königen bis 1933 als Wohnstadt. Der Palast ist Weltkulturerbe, mit Unterstützung der UNESCO restauriert und wiederhergestellt, zeigt aber im Innern der Purpurnen Stadt starke Zerstörung des Krieges, dem ganze Gebäude zum Opfer gefallen sind. Die Faszination dieser Anlage ist die vollendete Symmetrie, die an einer zentralen Achse ausgerichtet ist. Alle Gebäude sind quadratisch oder rechteckig und strahlen eine große Harmonie aus, die durch die vielen mythologischen Dekorationen, die Farbgebung und den Einsatz von Wasserflächen und Gärten als ummauerter Raum noch unterstrichen werden. Der Palast stellt sich mir als zu Stein gewordenes Abbild des Strebens nach höchster Harmonie und der vollständigen Integration der Fünf Elemente (Erde, Wasser, Luft, Feuer und Metall) dar. Dann gibt es noch die Pagode, die nach einer christlichen Marienerzählungen ähnelnden Legende errichtet wurde und die nach einer Fahrt über den Parfümfluss erreicht wird und Grabanlagen von Königen, die dem gleichen prinzipiellen Bauplan wie die Königstadt folgen. Hier sind die bis zu fünf Ebenen der Bauwerke, die zum Himmel streben, noch deutlicher als in der Königsstadt zu sehen. Diese Grabanlagen strahlen einen morbiden Charme aus und sind Oasen mit spiritueller Anmutung.

Saigon ist für uns nur eine Station auf dem Weg zum Mekong-Delta, voll von Geschichte, boomend mit internationalen Hotels und Geschäften neben alten, dörflichen Strukturen folgenden Läden und Gewerken.

Nach vier Stunden Autofahrt von Saigon aus erreicht man in Can Tho den Anfangspunkt einer Flusskreuzfahrt, die nach eineinhalb Tagen auf dem Schiff in Cai Be endet. Dazwischen liegen Stunden auf dem mächtigen Mekong, Fahrten durch Kanäle, der Besuch eines schwimmenden Marktes, eines Dorfes ohne Kanalisation und eines prachtvollen buddhistischen Tempels. Der Höhepunkt dieser Flussfahrt ist ohne Zweifel der Besuch einer kleinen Ansiedlung mitten im Marschland des Deltas, die nur mit dem Beiboot in einem Seitenarm erreicht werden konnte. Die dort lebenden Menschen leben fast archaisch von der Natur ohne erkennbare Infrastruktur in vielleicht paradiesischen, wenn auch sehr einfachen Lebensverhältnissen. Sie leben mit ihren Tieren, Schweinen, Hühnern, Enten, Vögeln, Kühen und Fischen in häuslicher Gemeinschaft. Die abstrakte Warnung der WHO vor Viren, die sich in solchen Gemeinschaften entwickeln können, wurde greifbar und verständlich. Die nächste Generation wird, falls sie Bildung erlangen, dieses Leben wahrscheinlich nicht mehr wollen. Der Guide kannte alle Gewächse, wir aßen Früchte direkt vom Baum mit einem traumhaften Aroma, kauten Blätter, erahnten die Fülle der verschwenderischen tropischen Natur. Das Delta des Mekong in seiner ganzen Ausbreitung sahen wir aus der Luft auf dem Flug von Saigon nach Singapur.

Es gibt weder in Vietnam noch in Kambodscha eine vegetarische Kultur. Der Anteil der vegetarischen lebenden Hindus ist wahrscheinlich zu gering. Aber es ist keineswegs so, dass die Genüsse der Länder nicht vegetarisch abzubilden wären: Wenn verstanden worden war, dass wir weder Fleisch, noch Fisch noch irgendwelche Krustentiere essen, wurde der Fleischanteil entweder durch Tofu ersetzt oder weggelassen, was bei dem Khmer Curry nichts hat vermissen lassen. Die berühmt berüchtigte Fischsauce hat uns nicht gefehlt. Der Tofu in Vietnam war anders als der hier erhältliche und schmackhafter. Soviel Tofu haben wir noch nie hintereinander gegessen. Vegetarische Röllchen in Reisfladen mit Gemüse und scharfer Würze lassen wirklich nichts vermissen. Die Dumplings waren der Höhepunkt in Singapur. Mit Spinat, Shitake Pilzen und Kaffir Lime gefüllt, ein Genuss!

Singapur Kontrastprogramm: Weltstadt, blitzblank, grün und tropisch. Beeindruckend und schön. Es gibt alles und noch viel mehr, nicht mehr billig. Am meisten beeindruckt hat mich das friedliche (ob nur äußerlich hat sich mir nicht erschlossen) Zusammenleben so vieler Ethnien und Religionen. Das Angebot von Früchten, Gemüsen, Gewürzen, Düften ist überwältigend. Der Geschmack der Früchte, die es auch bei uns gibt, ist nicht vergleichbar: Mangos, Ananas und Papayas zum Beispiel sind Geschmackserlebnisse auf einem anderen Niveau. Und es gibt noch so viele andere … Der herausragende Eindruck: alles telefoniert oder spielt mit IPOD/IPAD nahezu ununterbrochen. Wir haben gesehen: Marina Bay, Birds Park, MacRichie Park mit Tree-Tops-Walk (32 Grad mit 100% Luftfeuchtigkeit, gab es noch was anderes als kontinuierliches Dampfbad?), Holland, Botanischer Garten, Orchard Road, Habourfront, Arab Street und Chinatown, Little India.

Kambodscha

Wenn wir Vietnam als sich entwickelnde Volkswirtschaft einstufen, dann ist Kambodscha ein Entwicklungsland. Unser Bild von Kambodscha ist sehr lückenhaft, da wir nur Siem Reap und einen Teil des Tonle Sap und die Umgebung gesehen haben, dazu noch mit einem Guide, der so schlecht englisch verstand, dass wir uns nicht unterhalten konnten. Das einzige, was wir herausbekommen haben, war, dass es nicht verheiratet ist, weil ihm das Geld fehlt (mehr als ein Jahresgehalt, ca. 1000$), die nötig wären, um eine Frau zu „kaufen“. Gesehen haben wir einen Landesteil, der in Siem Reap eine touristische Infrastruktur aufbaut um die Menschenmassen, die Angkor Wat besuchen wollen, unterzubringen und zu unterhalten, aber abseits der Hauptstraßen sind auch in der Stadt die Straßen Pisten, alles ist völlig heruntergekommen und verdreckt, das Warenangebot – außer für die Touristen natürlich, die in Dollar bezahlen – gering. Das erzeugt kein gutes Gefühl, obwohl die Menschen sehr freundlich sind. Einen Hauch des echten Lebens sieht man, wenn man die Tempel besucht, die die Volksfrömmigkeit spiegeln und authentisch wirken, wo Menschen hinkommen, Blumen, Obst und Räucherstäbchen opfern und hingebungsvoll beten. Der Spiegel dieser Touristenschwemme sind die bettelnden Kinder und die vielerorts aufgebauten Stände, die das Mitleid und das „schlechte Gefühl“ der Kehrseite dieser Tourismusschleusung nutzen. Prostitution und auch Kinderprostitution, wie man gehört hat, scheint gang und geben zu sein: meinem Bruder wurde nach Verlassen eines Restaurants mitten in der Stadt, als er mehrere Schritte vor uns her ging, sofort eine Frau angeboten.

Die Roten Khmer wollten ab 1975 die Gesellschaft mit Gewalt in einen Agrarkommunismus überführen. Dieser Prozess umfasste auch die fast vollständige Vertreibung der Bevölkerung der Hauptstadt Phnom Penh und mündete in einem Massenmord an der kambodschanischen Bevölkerung, der mehr als zwei Millionen Kambodschaner zum Opfer fielen. Trotz ihrer Vertreibung durch vietnamesische Invasionstruppen lösten sich die Roten Khmer, jetzt als Untergrundbewegung erst 1998 auf. Das Durchschnittsalter in Kambodscha liegt bei 23 Jahren. Erst 1999 trat Kambodscha in Asean ein und führt das Land mit einer Demokratischen Verfassung in einer konstitutionellen Monarchie. In der Zeit der Roten Khmer wuchs eine Generation ohne Bildung heran, die Menschen sind heute erst um die dreißig Jahre alt. An dieser Hypothek und dem Verlust der Generationenkontinuität wird das Land noch lange zu tragen haben, von der Aufarbeitung der unmenschlichen Verbrechen nicht zu reden.

In Siem Reap, wo die Menschen im Tourismus Verdienstmöglichkeiten haben und dessen Lebensstandard bestimmt nicht dem des restlichen ländlichen Kambodschas gleicht, gibt es neben Fahrrädern und Motorrädern noch die Tuk-Tuks, die Touristen transportieren, ein sehr hoppeliges Unterfangen sobald die halsbrecherische Fahrt über Pisten geht. Wir haben dies einmal am Abend von einem Restaurant zum Hotel zurück benutzt, da der Weg durch die engen Straßen uns in der Dunkelheit zu schmutzig war.

Die Tempelanlagen: alle sind überwältigend. Im wahrsten Sinne des Wortes großartig.

Leider strahlen sie keine spirituelle Kraft mehr aus, die Masse der Touristen tritt sie buchstäblich in den Staub. Die Bauweise aller Tempelanlagen ist ähnlich, geometrisch, symmetrisch, an Achsen ausgerichtet, in bis zu fünf Ebenen geschichtet. Die zentralen Räume liegen innen, es sind keine Anlagen, die nach außen strahlen, sondern geschlossene, nach außen mit Mauern verschlossene Stätten des Gebets. Teilweise riesige Anlagen wie Angkor Wat und Angkor Thom, die in den verschiedenen Jahrhunderten, in denen sie entstanden die politische und religiöse Entwicklung der Khmer spiegeln: zuerst sind die Tempel den hinduistischen Gottheiten geweiht, Brahma, Vishnu und Shiva mit ihren Götterhimmel und ihrer eigenen Ikonografie, später Buddha und dessen Ikonografie und Legenden. Die in den Sandstein gehauenen Apsaras, die Reliefwände, die Verzierungen und Darstellungen sind von beeindruckender Klasse, die Masse übersteigert den Eindruck. Die frühen Tempel waren wie in My Son Ziegelbauten, später wurden die Sandsteinblöcke ohne Mörtel aufeinandergesetzt. Für die Fundamente und Unterfütterung wurde Laterit benutzt, ein Ziegel mit hohem Eisen- und Quarzgehalt, der sich feucht gut bearbeiten lässt und durch Lufttrockenheit steinhart wird. Die Stile der vielen Tempel in Angkor Wat und Umgebung variieren natürlich mit der Zeit, aber die Unterschiede erschließen sich erst beim genauen Hinsehen.

Am frühen Morgen, wenn die Masse der Touristen noch nicht ganz so groß ist, lassen die Tempelanlagen noch etwas von der Spiritualität ahnen, der sich umgeben haben muss aber später am Tag versinkt alles in der Masse an Japanern, Koreanern, Chinesen, Russen, Australiern und den bildungsbeflissenen Europäern. Die Macht des umgebenden Dschungels und die zerstörende Kraft des Klimas ist überall greifbar, die Biofilme haben alles im Griff, der Sandstein ist nicht hart genug, um die Jahrhunderte in tropischen Klima unbeschadet zu überstehen und auch der Bauweise mag die Zerstörung innewohnen. Vom 9. bis 13. Jahrhundert ist die intensive Besiedlung dieser Gegend nur mit einem ausgefeilten Wassermanagement vorstellbar.

Die Tempelanlagen und die Städte des Khmer Reiches wurden im 14. Jahrhundert wohl durch die geopolitischen Veränderungen und den Zusammenbruch der Wasserversorgung aufgegeben und fielen der Kraft des Dschungels anheim, der die Anlagen überwucherte. Der Anblick von Ta Throm, wo die Bäume (vorwiegend Würgefeigen (ficus virens) und Tetrameles nudiflora, ein Laubbaum mit relativ weichem Holz, der die imposanten Brettwurzeln bildet) nicht vollständig entfernt wurden, zeigt in beeindruckender Weise, wie die Natur das vom Menschen Geschaffene zurückholt. In diesem Tempel und der teilweisen Restaurierung sind die Schönheit und Großartigkeit der ursprünglichen Anlage am besten zu sehen. Glücklicherweise gibt es unzählige Projekte von UNESCO und anderen Nationen, die Tempel von Angkor zu erhalten, zu sichern und zu restaurieren. Diese Maßnahmen bedürfen vieler internationaler Anstrengungen um diese einmaligen Kulturschätze der Nachwelt zu erhalten.

Die herausragenden Statuen und die feinsten Sandsteinarbeiten haben wir im Angkor National Museum gesehen, wo sich die Ikonografie und die Architektur durch die Aufbereitung gut erschließen.

In der Umgebung von Siem Rap liegt der legendäre See Tonle Sap, dessen Wasser die Lebensgrundlage der ganzen Gegend bildet. Von Norden wird der See durch mehrere Zuflüsse gespeist, im Süden tritt der nach dem See benannte Tonle-Sap-Fluss aus, der in Phnom Penh in den Mekong mündet. Jedes Jahr im Juni ist dort ein weltweit einzigartiges Naturphänomen zu beobachten. Der Mekong führt zu dieser Zeit auf Grund der Monsunregenfälle und durch das Schmelzwasser aus dem Himalaya bis zu vier Mal mehr Wasser als in den trockenen Monaten. Da Kambodscha ein großteils sehr flaches und ebenes Land ist, drängt das Wasser des Mekong in den Tonle-Sap-Fluss, und dieser wechselt die Fließrichtung. Die Wassermassen drängen zurück in das Becken des Tonle Sap und füllen den See, der dann bis zu fünf Mal so tief ist. Der Höhepunkt der Überflutungen wird im September erreicht. Zu diesem Zeitpunkt ist knapp ein Drittel der landwirtschaftlichen Kulturfläche Kambodschas von Wasser bedeckt. Erst im November, wenn der Mekong wieder weniger Wasser führt, wechselt der Fluss erneut die Richtung, und das Wasser des Sees fließt langsam ab. Seit Jahrhunderten sind Fischfang und Reisanbau die wesentlichsten Wirtschaftszweige der ländlichen Bevölkerung Kambodschas. Beides wird vom jährlichen Rhythmus des Tonle Sap geprägt. Die Siedlungen sind traditionell schwimmende Dörfer.

Nach einer Fahrt aus der Stadt Siem Reap heraus zuerst über Straßen, dann über Pisten und schließlich sehr bucklige, schmale Wege durchs Mangroven- und sonstige Dickicht , die nicht mehr grün sind, sondern durch den aufgewirbelten Staub von einem dunkelroten Schleier bedeckt, finden wir uns auf einem traditionellen Holzboot, glücklicherweise mit einer Überdachung und einer abenteuerlichen Motorvorrichtung mit einem Lenkrad wie im Auto wieder. Dieses Boot fährt auf einem Zufluss zum See durch von Huminstoffen dunkelockerfarbenes Wasser, wirbelt das Wasser auf, das die teilweise bis zu den Schultern im Wasser stehenden Fischer dazu nutzen, hinter dem Boot ihr Netz ins Wasser zu schleudern.

Diese Fahrt mutet an wie eine Zeitreise, abstrahiert man die Außenbordmotoren und die Plastikflaschen, und zeichnet ein Bild von vielen jungen Menschen, die mit anmutigen Bewegungen ohne wesentliche Hilfsmittel ihre Mahlzeit fangen. Im Dickicht zu beiden Seiten des Zuflusses steigen Reiher auf, die Luft schwirrt von Geräuschen, ist voll von sonnengetränkter Fülle, man will nicht wissen, was in den überschwemmten Dickichten alles kreucht und fleucht. Die Vorstellung von Krokodilen und Schlangen drängt sich auf, der Eindruck einer archaischen Umgebung ist unmittelbar und stark. Ein ungutes Gefühl macht sich trotz der idyllischen Umgebung breit, als dann am Zufluss der See mit seinem hellockerfarbigen Wasser mit den schwimmenden Dörfern auftaucht, weil die Vorbeifahrenden die dort lebenden Menschen wie in einem Zoo betrachten. Einfachste Verschläge sind auf zusammengebundenen Binsen gebaut, manchmal mit Wellblech aber meistens auch mit Binsen gedeckt spendet ein Dach Schatten gegen die sengende Sonne. Neben der Hütte für die Menschen gibt es Verschläge mit Schweinen und Hühnern, auch Krokodile und Schildkröten werden in abgetrennten Bassins gehalten, was Gedanken an artgerechte Tierhaltung von uns Europäern erst gar nicht aufkommen lässt. Hunde laufen auf den schwimmenden, und manchmal dicht aneinandergebauten einzelnen Hütten herum, Babys werden daran gehindert, ins Wasser zu fallen, indem einfach eine Schnur zwischen zwei Wände gespannt wird. Geschlafen wird auf Binsenmatten auf dem Boden oder in einer Hängematte, schwebend über den Wassern, aufgespannt zwischen den Pfosten der Hütte. Gewaschen, gekocht und die Notdurft verrichtet, für alles steht der See, er liefert die Nahrung und entsorgt die Überreste. Mehrere Blechhütten nebeneinander sind im See verankert, gesponsert von einer Wohltätigkeitsorganisation: die Schule.

Die Menschen sind freundlich, laden die Touristen ein, ihr Leben zu sehen, die Kinder winken.